Die Last des Schweigens
Die Zuhörer:innen lächeln mir freundlich entgegen. Der Vortrag zum Thema "Wege aus dem Hamsterrad" ist in vollem Lauf und immer wieder bestätigen eifrig nickende Köpfe, dass sie meine Beispiele auch aus ihrem Alltag kennen. Motiviert notieren sie Dinge, die sie sich merken möchten und üben die kleinen Achtsamkeitsübungen mit mir.
Als ich zum Thema Kommunikation komme und erläutere, wie wichtig sie für unsere mentale Gesundheit ist, hebt eine bislang eher unauffällige Teilnehmerin energisch den Finger. "Wer nicht spricht, der bricht. - Das ist meine Erfahrung", so platzt es förmlich aus ihr heraus. Ich stimme ihr zu und bin dankbar für diesen schönen Merkspruch der es in sich hat. Sie erzählt von ihrem Leidensweg und davon, wie sie es gelernt hat, Dinge anzusprechen. Sie ist gerade nochmal dem Burnout entkommen.
Ich gratuliere ihr von Herzen dazu. Andere Teilnehmer schauen bewundernd zu ihr. Die traut sich was.
Wenn die Worte fehlen
Wer kennt es nicht, das unerträglich laute Dröhnen des Schweigens. Das Gefühl, dass etwas Unausgesprochenes über den Schreib- oder Esstischen wabert und die Luft so dick erscheinen lässt wie Wackelpudding.
Oder andersrum ein Drücken in der Brust, ein Gefühl, welches den Kopf beinahe zum Platzen bringt und diese Enge im Hals, die es scheinbar unmöglich macht die richtigen Worte zu finden. Lieber nichts sagen. Wer weiß, was dann passiert? Lieber hinunterschlucken.
Nur zu. Das nächste Magengeschwür kommt bestimmt. Oder der Bluthochdruck. Oder, oder, oder...
Es kostes manchmal so unendlich viel Mut, den ersten Satz auszusprechen...
Warum es uns oft so schwer fällt
Viele von uns haben schlichtweg nicht gelernt, sich auszudrücken. Vielleicht, weil die Eltern als Kriegskinder gelernt hatten, das bloße Funktionieren über jede Emotion und Befindlichkeit zu stellen. Weil sie es gar nicht ausgehalten hätten, die Wucht zu tragen. Weil sie aus reiner Überlebenstaktik gelernt hatten, die Emotionen zu verdrängen und auszuklammern. Ein Erbe, das viele von uns unbemerkt mit sich tragen und weitergeben. Traumata sind vererbbar. Dafür gibt es heute zahlreiche wissenschaftliche Belege.
Also, wo sollen wir es lernen. Das konstruktive Ansprechen von Bedürfnissen, Problemen und Wünschen. Leider gibt es auch kein Schulfach "Kommunikation". Einzelne Schulen mögen da heute eine Ausnahme sein und den Kindern Kurse in Giraffensprache - Gewaltfreier Kommunikation - anbieten. Im Standardlehrplan gab und gibt es Rechnen, Schreiben, Lesen, Englisch und Chemie. Hat alles seine Berechtigung. Aber die sogenannten "Soft-Skills", sie fallen sowohl im Schul- wie im Businesssetting oft unter den Tisch. Und dort vielleicht genau auf den Teppich, unter welchem sich ein Gewitter zusammenbraut. Dort wohin viele Konflikte und schwierige Themen oft viel zu lange gekehrt wurden. Es gibt zwei Wege der Entladung. Die Explosion in der Eskalation und die Implosion in der Resignation oder Depression.
Wenn das Ungesagte zu gären beginnt
Unausgesprochenen Sorgen und Gefühle verschwinden nicht. Sie verhaken sich ineinander, werden zum schweren Ballast der in uns brodelt und uns, oder das System in welchem wir uns bewegen, manchmal krank werden lässt. Das nicht Ausgesprochene entwickelt sich in unseren Köpfen immer weiter zu den wildesten Geschichten und Konstrukten, die uns mehr und mehr in eine negative Endlosschleife driften lassen. Wir fühlen uns hilflos, handlungsunfähig und manchmal auch als Opfer der Gegebenheiten. Warum versteht uns nur keiner?
Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Rückzug und der Bruch von Beziehungen können die Folge sein. Sprache ist viel mehr als Kommunikation. Sie ist Verbindung und lässt Verbundenheit erleben. Ein wesentlicher Faktor für Resilienz und mentale Gesundheit.
In 90% der Fällen die Wurzel allen Übels
Gut. Dieser Zahl liegt keine wissenschaftliche Studie zu Grunde. Sie entspricht meiner subjektiven Beobachtung. Egal ob in Teams, in Familien oder Partnerschaften: Eine Verbesserung der Kommunikation ist meistens DER Schlüssel zur grundlegen Steigerung des guten Miteinanders oder der persönlichen mentalen Gesundheit.
Der erste Schritt...
Und der allererste Schritt dabei ist nicht das Reden lernen, sondern das Zuhören. Vor allem in sich selbst hineinhören. Ehrlich mit sich sein. Gefühle zulassen und wieder benenne lernen. Verantwortung übernehmen für das, was da gesehen und gesagt werden will. Die Veränderung beginnt meistens bei uns selbst.
Um was geht´s mir überhaupt? Was fühle ich? Was brauche ich? Was wünsch ich mir?
Das lass ich hier gleich mal so als Impuls zum Weiterdenken stehen. Viel Freude damit!
Du steckst in einer akuten Krise und möchtest endlich reden?
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