CSD in Pfaffenhofen – muss das sein?

Von karinhoislschmidt.de  - August 20, 2025

Es war vor etwas mehr als einem Jahr, als mir eine Bekannte sagte:
„Am Samstag ist in Pfaffenhofen der erste CSD. Ich will da unbedingt hin. Kommt ihr mit?“

An jenem Tag war ich bereits verplant und hätte sie nicht begleiten können. Doch allein die Tatsache, dass nun auch in unserer kleinen Stadt ein Christopher-Street-Day stattfinden sollte, ließ mich nicht los. Braucht es das hier wirklich?

Bisher war ich noch nie bei einem CSD gewesen und kannte nur die Bilder aus den Medien: Menschen, die tanzten, feierten, demonstrierten – ausgelassen, bunt, selbstbewusst. Hier und da auffällige Kostüme, dazu die klare Botschaft: Jeder Mensch soll leben und lieben dürfen, wie er möchte. Das unterschreibe ich sofort.
Aber ich fragte mich: Reicht es nicht, wenn sich die queeren Menschen in München, Berlin oder anderswo treffen? Dort ist doch viel mehr los und die Stimmung sicherlich intensiver als in einer Kleinstadt.

Keine Berührungsängste

In meinem Freundeskreis gehören queere Menschen seit  Jahrzehnten selbstverständlich dazu. An meinem Tisch nahmen schon immer auch gleichgeschlechtliche Paare Platz, ohne dass das jemals ein Thema gewesen wäre. Für mein Menschenbild spielt es keine Rolle, ob jemand hetero-, homo-, transsexuell oder etwas anderes ist. Vor mir steht zunächst ein Mensch – jemand, der wie ich glücklich sein, lieben und frei leben will.

Die Norm neu justieren

Und ja: Noch vor einigen Jahren schaute ich interessiert hin, wenn ein als „Mann“ wahrgenommener Mensch in Frauenkleidern auf der Straße unterwegs war. Es war ungewohnt und wirkte fremd. Denn das, was wir als „normal“ empfinden, ist meist nur das, was wir kennen. Unser Gehirn sortiert das Ungewohnte gerne in die Schublade „Fragezeichen“ – nach dem Motto: Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.

Das können Kleidungsstile, Lebensweisen, Sprachen oder Meinungen sein. In großen Städten ist vieles längst Teil des Alltags und wirkt daher selbstverständlich. In kleineren Orten fehlen oft die Begegnungen, die das Neue vertraut machen.

Queer sein ist nichts Neues

Wobei das Queer-Sein keineswegs neu ist – es existiert seit jeher. Doch lange Zeit war es eine Lebenswirklichkeit, die nicht offen gelebt werden durfte. Viele Menschen lebten in großer Not: Aus Angst vor Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung mussten sie ihre Identität verstecken. Der Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung ist ein Befreiungskampf, der bis heute andauert.

Wir selbst entscheiden, welches Etikett wir dem Unbekannten geben. Lasse ich mich offen darauf ein und begegne anderen mit Respekt und Interesse, erlebe ich es immer wieder als bereichernd. Mein Gehirn hat gelernt: Es gibt kein „normal“. Wir sind alle Menschen – bunt und wunderbar.

Wenn Vielfalt zur Bedrohung wird

Leider gelingt dieser Perspektivwechsel nicht jedem. Manche sehen im Ungewohnten eine Gefahr. Alles, was vom eigenen Weltbild abweicht – Aussehen, Sprache, Lebensweise –, wird zur potenziellen Bedrohung erklärt.

Gerade in Krisenzeiten, wenn das Stresslevel in der Gesellschaft steigt, entstehen daraus manchmal Feindbilder. Menschen werden verurteilt, ausgegrenzt, herabgewürdigt. So weit, dass sich in mancher Nachbarschaft die Fahnen rechtsextremer Parteien völlig „normal“ im Garten finden, während die Regenbogenfahne belächelt oder ins Reich von Zirkuszelt und Clownerie verbannt wird. Menschen, die für Demokratische Werte und Menschlichkeit eintreten, werden plötzlich zu politischen Aktivist:innen erklärt.

Von der Not „anders“ zu sein

Ich erinnere mich an die Zeit, in der ein Freund von mir sein Coming-out als homosexuell lebender Mann hatte. Sein Ringen und Zweifeln, seine Not und seine Ängste haben mich berührt. Dennoch hat er es geschafft, seinen Weg zu gehen. Das ist jetzt knapp dreißig Jahre her. Vieles hat sich seither verändert.

Bis vor ein paar Monaten dachte ich, dass es heute gar kein Problem mehr sei, als queerer Mensch zu leben. Völlig naiv nahm ich an, inzwischen hätte doch wohl jede:r verstanden, dass Menschen einfach unterschiedlich sind – und dass das völlig in Ordnung ist. Wo bitte soll daran etwas gefährlich oder falsch sein? Wieso sollte die sexuelle Orientierung überhaupt thematisiert werden? 

Doch Begegnungen mit queeren Menschen in den letzten Monaten haben mich leider eines Besseren belehrt. Diskriminierung, Anfeindung und Ausgrenzung gehören auch 2025 für viele noch zur Realität. Die erlebte Not und psychische Belastung sind oft unvorstellbar.

Im Jahr 2025! Wir fliegen zum Mond, planen Marsmissionen – und schaffen es nicht, Menschen einfach SEIN zu lassen? Im Gegenteil: Wir bewegen uns rückwärts. Rechte Strömungen zerren und reißen an den Flügeln lang erkämpfter Freiheit.

Der Menschlichkeit ein Gesicht geben

Als mich der Vorsitzende von Queer Pfaffenhofen e.V. , Norbert März, vor ein paar Wochen fragte, ob wir mit unserer Musik beim CSD mitwirken wollen, habe ich keine Sekunde überlegt und sofort zugesagt. Mit Überzeugung singe ich meine Lieder für Menschlichkeit, Miteinander, Toleranz und Freiheit. Wie perfekt passen diese Themen zum Anliegen des Christopher-Street-Day, der dieses Jahr unter dem Motto stand:

NIE WIEDER STILL – Unsere Stimmen. Unsere Farben. Unsere Liebe.

So durften wir einen wundervollen Tag erleben. Ich habe mit den Tränen gekämpft, als die Parade auf den Stadtplatz einzog: Hunderte von Menschen, lachend, mit Regenbogenfahnen, friedlich vereint. Ich war stolz, in einer Stadt zu leben, in der so etwas möglich ist – wo die Stadt gemeinsam mit ehrenamtlichen Organisationen wie Pfaffenhofen ist bunt, mit politischen Parteien und weiteren Unterstützer:innen dafür sorgte, dass Menschen unter einer starken Botschaft zusammenfinden, einander begegnen und ins Gespräch kommen können.

Sichtbarkeit gibt Sicherheit

„Sichtbarkeit gibt Sicherheit“, sagte Andreas Sigl-März von Queer Pfaffenhofen e.V. beim queeren Gottesdienst im Vorfeld des CSD. Erst während der Parade habe ich die Tiefe dieser Worte wirklich verstanden: Wenn Menschen sich so zeigen dürfen, wie sie sind – entspannt, selbstbewusst, frei –, dann hat Menschlichkeit gesiegt. Dafür braucht es Begegnungsräume, Solidarität und Menschen, die füreinander eintreten und miteinander feiern.

Mein erster Shitstorm

Seit Jahren stehe ich in der Öffentlichkeit, bin auf Social Media vertreten – und meine Meinung ist nicht immer populär. Aber einen Shitstorm hatte ich bisher noch nicht erlebt. Dafür brauchte es tatsächlich erst ein kurzes TikTok-Video von unserem Auftritt beim CSD. Zu sehen: die Bühne mit mir am Mikrofon, Tom an der Gitarre und einer Gebärdendolmetscherin, die unsere Lieder für die  gehörlosen Menschen im Publikum übersetzte. Und ja, ich trug eine pinke Hose und eine bunte Bluse. Sehr verdächtig 😱🌈

Die Reaktionen waren erschreckend. Ich möchte die Details hier nicht wiedergeben – zu hasserfüllt und abwertend waren manche Kommentare, nur weil dort CSD oder Queer zu lesen war. Für meinen kleinen Post waren es nur ein paar Kotz-Smileys, respektlose Kommentare und blaue AFD-Herzen. Aber diese Mini-Erfahrung gibt eine leise Ahnung davon, was queere Menschen ständig aushalten müssen.

Ja, wir brauchen einen CSD – nicht nur in Pfaffenhofen

Die Eingangsfrage kann ich heute überzeugt beantworten: Ja, wir brauchen den CSD. Gerade auch in kleinen Städten. Wir brauchen Räume, in denen Menschen sich so zeigen dürfen, wie sie sind – ohne Angst, ohne Scham.

Und wer fragt, warum einzelne CSD-Teilnehmer:innen sich „so freizügig“ präsentieren müssen, dem empfehle ich im September einen Besuch auf dem Münchner Oktoberfest. Dort käme kaum jemand auf dieselbe Frage. Als Psychologin bin ich zudem versucht hinzuzufügen: Vielleicht steckt hinter der Entrüstung über andere manchmal eine eigene ungelebte Sehnsucht …?

Seid Menschen

Wir leben in Zeiten, in denen wir uns nicht wegducken dürfen. Nie wieder ist JETZT. Nie wieder sind WIR – so singen wir in unserem Lied „Der Ring“.

„Seid Menschen!“ – so appellierte Margot Friedländer 2022 in ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament. Worte einer Hundertjährigen, Überlebende der Shoah, die uns eindringlicher nicht auffordern könnte.

Mensch sein. Genau das braucht unsere Zeit. Offenheit, Mut, Ideen, Großzügigkeit. Vielfalt, Menschenwürde und Demokratie dürfen wir nicht nur schützen – wir müssen sie lebendig gestalten. Und wenn es sein muss, mit kunterbunten Prilblümchen bekleben. 🌸 🌈🩷😎

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  1. Liebe Karin,
    die sehr ausgewogene Darstellung Deiner Sicht der Dinge habe ich wohlwollend wahrgenommen. Sie erklärt nachvollziehbar, warum man sich immer mehr wundern muss, weshalb manche, absolut naturgegebenen und daher nicht abänderbaren, ergo selbstverständlichen Dinge wie eben auch das Queersein in unserer ach so aufgeklärten Zeit noch immer solch riesige Probleme haben, Akzeptanz zu finden.
    Deine wunderbaren Worte haben nur einen Makel: Sie werden wohl nur von den Falschen gelesen, oder wenn nicht, was selten sein dürfte, dann wahrscheinlich – bewusst oder unbewusst – nicht verstanden. Hasskommentare verdienen sie jedenfalls nicht; diese sind ein Armutzeugnis und halten unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, der Angst macht – Das tut mir leid.

    Bitte bleib' dran und sei dafür stark.

    Stam

    1. Lieber Stam, ich danke Dir von Herzen für Deine starken Worte!
      In meinem unerschütterlichen Glauben an die Menschheit bin ich davon überzeugt, dass die „richtigen“ meine Zeilen finden werden. Zum Beispiel DU! Und Du bist ja einer aus meiner „Bande“, der mit mir für die Menschlichkeit steht und im wahrsten Sinne (auf der Bühne) meistens auch hinter mir 😎🎸🎶

      Und ich glaub genauso kann es funktionieren. Wir dürfen uns gegenseitig stärken und jeder an dem Ort, wo er eben ist, mit den Möglichkeiten, die er eben hat, der Menschlichkeit ein Gesicht geben. Denk dran 20 – 25% reichen schon… 😇

      In diesem Sinne – mach ma weida aa so 👋🏽🌈

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karinhoislschmidt.de

Karin Hoisl-Schmidt liebt es, das Leben in seinen bunten Facetten zu erforschen und zu beschreiben. Als Psychologin, Liedermacherin und Autorin will sie motivieren und inspirieren.

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