Ich war froh um unsere kleine Dorfwirtschaft. Dankbar, dass sie sich gegen das seuchenhafte Wirtshaussterben behaupten konnte. Vergnügt in der Gewissheit, dort auch an diesem Samstagabend in guter Gesellschaft zu sein. Je stärker sich die Welt da draußen unter vielfältigen Krisen schüttelte, desto mehr schien die kleine bunte Dorfgemeinschaft hier wieder zusammenzurücken. Der Pfarrer diskutierte mit dem Bürgermeister, der letzte Bauer im Ort mit dem Jäger, die Erzieherin des Dorfkindergartens mit dem Elternbeirat. Es ging laut und lebhaft zu an diesen Abenden. Und doch ging man niemals auseinander, ohne Miteinander angestoßen zu haben.
Ich hing meinen Gedanken nach, als die Tür aufging. Augenblickliche Stille. Alle Gesichter richteten sich auf den Neuankömmling. Gewiss, es hatte sich herumgesprochen, dass da ein Neubürger die leer stehende Villa am Löschwasserteich bezogen hatte. Ja sicherlich, es wurde gemunkelt, er sei etwas sonderbar. Jedoch, die Gestalt, die hier gerade entschlossen über die Türschwelle schleimte, übertraf alle Erwartungen, die in mir aufgrund der vagen Beschreibungen gewachsen waren. Ich konnte ja nicht ahnen. Mit seinem aufrechten Gang, seinen blauglänzenden Flossen, seinen riesigen Augen hinter der, in glänzendem pianoschwarz-gefassten Nickelbrille, erkannte ich ihn sofort. Mit offenem Mund saß ich da. Es sollte ihn also tatsächlich geben. Nicht nur in den Metropolen, welche in der Fachliteratur als sein natürliches Habitat beschrieben waren. Nein. Er lebte hier. Hier in unserem verschlafenen Gumpoldsdorf. Ein Chabeuils wie aus dem Bilderbuch.
„Ist hier noch frei“, sprach er, während er direkt auf mich zuglitschte. „Ach ja, sie sitzen ja ganz alleine da. Bestimmt ist hier noch frei. Ist ja auch nicht schön, so ganz alleine zu sitzen. Was? Wobei, es gibt natürlich auch die Momente, an denen es angebracht ist, für sich zu sein, zu sinnieren, zu spekulieren. Aber dafür gibts ja vielleicht auch bessere Plätze als diese Dorfwirtschaft, nicht wahr? Etwa die Bank unten am Friedhof, die hab ich gestern erst entdeckt und dort steht ja auch gleich noch diese schöne Linde. Oder war es eine Buche? Ach natürlich war es eine Buche. Ich hab mir ja noch einen Kratzer an meiner Schwanzflosse zugezogen, als ich versehentlich über so ein kratziges kleines Bucheckerding gerutscht bin. Zu dumm aber auch.“
Noch immer stand mir der Mund offen. Die Wucht der Begegnung drückte mich gegen die kühlen Kacheln in meinem Rücken. Während mein Gegenüber unter beständigem Redefluss platzgenommen hatte, überwand ich die Erstarrung und streckte ihm meine Hand entgegen.„Ich bin Karl“, sagte ich.
„Was. Ach so. Ja. Karl. Schön. Konnte ich ahnen, dass ich in diesem Idyll sogar ein Restaurant finde? Nein natürlich nicht. Aber jetzt bin jedenfalls da. Das ist doch entscheidend, finden sie nicht? Na dann mal sehen. Herr Ober, die Weinkarte bitte.“
Ich schaute gespannt zu Sepp, Wirt und Kellner in Personalunion. Er stand wie angewurzelt hinter der Theke. Die Hand unbewegt am Zapfhahnhebel und starrte, wie alle anderen im Raum, wie gebannt auf die Erscheinung.
„Die Weinkarte!“ Wiederholte der Chabeuils mit fester Stimme.
„Hab ich mir nicht nach diesem schöpferischen Tag einen edlen Tropfen verdient? Doch, das hab ich. Wohlan. Ich will meine Zunge mit kostbarem Rot benetzen.“
Sepp kam zögerlich an den Tisch und schob die Speisekarte über den Tisch. „Ganz hinten stehen die Getränke drin,“ nuschelte er.
„Gibt es keine Weinkarte? Nein gibt es wohl nicht. Naja. Gumpoldsdorf ist halt nicht Genf. Aber da kann man halt nichts ändern. Oder kann man das? Im Grunde ist doch nur wenig in unserem Dasein unveränderbar. Ach, ich schweife ab.“
Er griff nach der Speisekarte und schlug sie gleich auf der letzten Seite auf. Er las. Blätterte zurück. Blätterte vor. Wieder zurück. 30 Augenpaare schauten ihm gebannt zu. „Merlot oder Riesling?“. Ist das denn die ganze Auswahl? Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Oh doch. Ich befürchte, es ist ihr Ernst. Ist es denn nicht möglich in diesem Ort, einen schönen Bordeaux serviert zu bekommen?
Hilfesuchend schaute Sepp mich an. Ich zwinkerte ihm zu und nickte kaum merklich. Sepps Blick bohrte sich fragend in mich, als wollte er meine Gedanken an sich saugen. Dann huschte ein leises Lächeln über sein Gesicht.„Ja, freilich, Hamm ma an Boado“, sagte er, streckte sich nach einem Weinglas, griff nach einer Flasche und schenkte ein.
Während mein Tischnachbar bereits über die fragwürdige Qualität der Austern am Münchner Viktualienmarkt referierte, konnte ich über seine rechte Seitenflosse hinweg, aus dem Augenwinkel sehen, wie Sepp die Flasche abstellte und dann schnell im untersten Thekenregal verschwinden ließ.
Wenige Augenblicke später wurde die ganze Gaststube Zeuge eines besonderen und vor allem wortlosen Schauspiels. Der Chabeuils roch mit geschlossenen Augen am Wein, als wär er eine Duftrose. Er nippte, bewegte die Flüssigkeit, von seltsamen Grimassen begleitet, in seinem Mund hin und her, zog sie virtuos durch die Kiemen. Die Zuschauer waren so gefesselt, dass sie die finale Schluckbewegung synchron und mit einem Gefühl der Befreiung als Trockenübung mit ihm zusammen vollzogen.Etliche schweigende Schlucke später erhob sich der zufriedene Gast, schleimte zur Theke, knallte das Geld auf den Tresen und sagte „Legt euch mal vernünftige Weingläser zu, die grünstieligen Römerkelche sind unter der Würde eines Bordeaux.“
Sepp nickte stumm.
Der Raum schien aufzuatmen, als das Flossenwesen die Tür endlich hinter sich schloss.Schreibwerkstatt mit Arwed Vogel.
Aufgabenstellung: Beschreibe die Begegnung mit dem Fabelwesen Chabouils in einem Gasthaus. Wende das Stilmittel des Dialogisierens an. Der Chabouils ist ein Wesen, geschaffen von der Künstlerin Yvonne Richter.

Aufgabe mit Bravour erfüllt!
Liebe Nancy, herzlichen Dank für Deine fachkundige Einschätzung :-).
liebe Grüße