Doch manchmal krochen das Krächzen und Ächzen, das Seufzen und Stöhnen dieser lauten Stadt durch die Fugen und Ritzen der Fenster und Türen ihr nach, dröhnte sirrend in ihren Ohren und ließen sie nicht zur Ruhe kommen. An diesen Tagen.
Dann wusste Eva, was zu tun war. Sie ging in den Flur, griff in die goldene Schale, in welcher zuverlässig ihr Autoschlüssel zu finden war und verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen, die Wohnung, das Haus, die Stadt. An diesen Tagen.
Eva ließ den Blick über die sanften Hügel schweifen. Die Abendsonne umfing sie mit wohliger Wärme, ein sanfter Windhauch strich ihr über das Haar und trieb die wenigen Wolken vor sich her. Sie schloss die Augen und holte tief Luft. Fast ein wenig wie heimkommen, dachte sie.Auf einer kleinen Anhöhe war von hier aus schon die Linde zu sehen. Mit ihrem mächtigen Stamm und der ausladenden Krone wirkte sie auch aus dieser Entfernung noch imposant. Eva ging los. Die Vorstellung, dass sie schon bald auf der Bank unter der Linde Platz nehmen, entspannen und auftanken konnte, trieb sie an. Genau das sollte ihre Rettung sein. An diesen Tagen.
Schon da? Eva war so in Gedanken versunken marschiert, dass sie ganz überrascht war, als hinter der letzten Biegung das Ziel bereits zu sehen war. Sie stockte. Verdammt. Besetzt. Auf der Bank saß eine Frau. Na ja. Im Zweifel sollte die Bank für zwei reichen.
„Hallo, entschuldigen sie, ich möchte sie ja nicht stören. Darf ich...?“
Langsam wandte die Frau ihren Blick zu Eva.Tiefe Falten umrahmten ihre wachen Augen, als sie lächelnd nickte. „Ja freilich.“
Mit einem Seufzen ließ sich Eva auf die Bank fallen. Sie streckte ihre Beine von sich, lehnte sich zurück und hob den Blick in das leuchtendgrüne Blätterdach.„Es ist einfach so schön hier. Wissen sie, ich komme öfter hierher. Aus der Stadt. Manchmal treibts mich einfach raus. Der Platz hat für mich was Magisches. Hier komm ich irgendwie zur Ruhe.“
Die Frau blickte regungslos in die Ferne.Verweilte.
Schwieg.„Ja. Ruhe“, sagte sie dann bedächtig.
Eva zuckte zusammen, musste in ihrer Erinnerung erst wieder nach den letzten gesprochenen Sätzen kramen, um den Zusammenhang zu verstehen. Ihre Gedanken waren in der Zwischenzeit längst weitergeeilt, durch den Kopf gesprungen, wie die Eichhörnchen in den Zweigen der benachbarten Eiche.Ruhe, hallte es in ihr nach.
Sie atmete ein und aus.Sie folgte dem Blick der Frau.
Schaute mit ihr in die Weite.
„Sind sie auch öfter hier?“
„Ja.“
Ein Lindenblatt hatte sich gelöst.Es schwebte zu Boden.
Sie atmete ein und aus.
„Sehr oft“, sagte die Frau.
Ruhe hallte nach.Die Sonne stand tief.
Atem strömte.
Goldrot leuchtende Felder.
Ruhe.
Fallende Eicheln ploppten.
Ein .
Aus.
Windhauch.
Schreibwerkstatt mit Arwed Vogel
Schreibaufgabe: Rhythmisierung eines Textes mit verschiedenen Stilmitteln.

Gefällt mir ausnehmend gut, deine Geschichte!
Vielen Dank! Sie hat mir auch beim Schreiben große Freude gemacht!